Gebrauchsanweisungen

Vorwort

von Hans Tönjes Redenius, Schriftsteller, Bingen im Februar 2011

Was ist Lyrik? Die Antwort scheint einfach zu sein: Lyrik ist Literatur! Natürlich ist Lyrik Literatur, zumindest eines ihrer Genres. Aber was ist Literatur? Noch nie war diese Frage schwieriger zu beantworten als in unseren Tagen. Keinen Dissens allerdings gibt es, wenn behauptet wird, dass Literatur etwas mit Kunst zu tun habe. Nur hier, an dieser Stelle wird die eigentliche Crux sichtbar. Am Begriff Kunst scheiden sich die Geister. Es macht nicht einmal mehr Sinn, sich dem Begriff Kunst etymologisch zu nähern und über das Altfriesische auf „Können“ zu reduzieren. Kunst kennt keine Grenzen mehr. Dasselbe gilt für den Begriff Literatur.

Bis in den Impressionismus hinein galt Lyrik als die höchste Kunst literarischen Schaffens. Lyrik war die Kunst durch Verdichtung von Sprache auf Wahrheit und Wirklichkeit, auf das Geheimnis von Sein und Nichtsein, Leben und Tod, Liebe und Hass sowie Schuld und Gerechtigkeit hinzuweisen. Eben dies zeichnet Gernot Blumes Lyrik bei aller erkennbaren Nähe auch zur kognitiven Psychologie und zu theologischen Tiefsichten aus. Seine Gedichte belegen, dass die so genannte moderne Lyrik nach wie vor ihrer klassischen Tradition treu bleiben kann, was nicht bedeutet, dass sie sich bis heute ausschließlich in Reimen, Metren und Versen ausdrücken darf. Gernot Blumes Lyrik ist keine experimentelle Lyrik. Trotzdem zeichnet sie sich mit ihrer Sprachkunst durch neue syntaktische Strukturen, neue lyrische Phänomene, neue linguistische Merkmale und rhetorisch genial gefügte Sprachfiguren in die Moderne ein.

Gernot Blume ist von Haus aus Pianist und Komponist. Also Musiker! Der Begriff Lyrik geht zurück auf das altgriechische Musikinstrument die „Lyra“. Kein Wunder ergo, dass seine Gedichte singend narrative Lyrik, klingende Eventlyrik, eloge Erfahrungslyrik, klangvolle Expressions- und Impressionslyrik, tanzende Ideenlyrik und sonette Symbollyrik sind. Ebenso wirken sie als hallend schallende Investigationslyrik und können sich als taumelnd suchender Reigen nach Leben zeigen, als symphon schreiende Metaphern der Menschheitsfrage, „was denn in Wahrheit wohl die Welt im Innersten zusammen hält“.

Die Form seiner Gedichte zeichnet das Streben nach Einheit aus. Jeder Anfang zielt auf ein Ende und schafft so gar Impressionen einer Vision der unio mystica. In jedem seiner Gedichte drängt sich geheimnisvolles Leben. Sie sind Rhythmus, Musik und Sprache, Wort und Spiel, Klang und zuspitzende Dissonanz, These und Antithese, drückende Schwere und schwebende Leichtigkeit, Gebrauchsanweisungen zur Konfrontation mit dem Leben. Gernot Blumes Lyrik spiegelt bis in letzte Verästelungen der Sprache das Geheimnis menschlichen Daseins und seiner Würde wider, nicht zuletzt indes, auch das Denken unserer Zeit, dem sich Gernot Blume freilich nicht kampflos zu ergeben bereit ist.

Lyrik schreiben, besser Lyrik machen, kann nicht jeder, der über einen umfangreichen Wortschatz und die Fähigkeit zum Schmieden von Reimen verfügt. Er muss die Lyra (λυρα) beherrschen und ein Poet (ποειω – machen) sein. Gernot Blume scheint die Symbiose beider zu sein und diese von Johann Wolfgang von Goethes lyrisch geformte Erkenntnis als bleibenden Auftrag und Inspiration verstanden zu haben:

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ewge regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig: denn Gesetze
Bewahren die lebendgen Schätze,
Aus welchem sich das All geschmückt.

Ausschnitte aus Gebrauchsanweisungen

Akrobatik

Die Zauberer kalkulieren
nüchtern den Gewinn.

Die Ernüchterten beschwören
wie Schamanen ihre Erkenntnis.

Nur die an der Ernüchterung
noch Leidenden bewahren ohne Illusion

den Zauber und halten ihre Wahrheit
geschickt in der Schwebe.

12.2.10

Prometheus, älter

Zerreiße deinen Himmel, Mensch,
mit Feuerpilz und herrsche, Gott gleich,
der Menschen richtet,
über allen Himmelshöhen.

Musst ihm seine Erde nicht lassen
und seine Paläste, die du einst gebaut,
und sein Feuer, um das ihn
längst niemand beneidet.

Selbst haben wir alles vollendet,
uns hilflose Zeit unterworfen.
Wir kennen nichts Mächtigeres
über den Sphären als uns.

Wir sollten das Töten hassen,
weil nicht alle Gottesgebote verwelkten?
Hier sitzen wir, formen Götter
nach unserem Bilde,

ein Geschlecht, das uns gleich sei,
zu herrschen, zu lachen, zu morden
und nichts zu verbieten,
wie wir.

26.11.10

Horeb

Gott ist nicht in der Frage zu finden,
ob er existiert oder nicht.

Tosender Wind.

Gott ist nicht in der Behauptung,
dass es ihn gibt.

Lautes Gewitter.

Gott hat nichts mit den Kriegen zu tun,
die man um ihn führt.

Feuersturm.

Gott wartet jenseits
der Theologie.

Als sanftes Säuseln.

3.12.10

Gericht

Die Grundzutaten sind fade, banal.
Deshalb: reichlich Gewürz.
Allerdings wenig bekömmlich
und gar nicht gesund.
Ab und zu hört man
von einem neuen Rezept,
besser, leckerer,
und sogar noch günstiger.
Alles aber nur nach
grobem Geschmack.

Es liegt mir die Welt
so schwer
auf dem Magen.

29.10.10

Wintermantel

Mit allen Kräften
stricken wir Alltag,
hüllen uns fröstelnd
darin ein
und träumen
wie berauscht
vom Baden
am Strand.
Aber der Sommer
kommt vor lauter Alltag
gar nicht mehr.

14.1.10

Das letzte Gedicht

Und wäre es das letzte Gedicht,
das mir zu schreiben bliebe, worüber wäre es?
Noch einmal das Wunder der Liebe,
oder die Ahnung der Pforte zur anderen Welt?

Über den Baum und den Wind in den Blättern?
Deine Umarmung?
Was wäre wichtig zuletzt?

Nichts Wichtiges.
Nichts Letztes.
Nicht, dass es das letzte wäre.

So ist alles gesagt.

23.8.10