Krisenkrach

Gedichte gegen die Zeit

Nach über 25 Jahren der kontinuierlichen literarischen Arbeit stellt Gernot Blume 2009 seine erste Buchpublikation als Dichter vor.

Besser bekannt als Musiker, Komponist und publizierter Musikwissenschaftler hat Blume dennoch auch seit jungen Jahren immer wieder seine Gedichte in vielfältigen Projekten miteinbezogen. Bereits 1986 und 1987 wurde er zweimal zur langen Nacht der Poeten ins Unterhaus in Mainz eingeladen. Er produzierte zwei Programme, in denen sich seine Musik und Gedichte miteinander verbanden – „Zwischentöne“ (1987) und „Fundstücke“ (1992). Während der 15 Jahre seines Lebens in den USA begann er auch auf Englisch zu schreiben und präsentierte seine Lyrik auf Konzerten zusammen mit seiner Musik. Vielen seiner Kompositionen, die seit 2007 als Gesamtwerk bei Norsk Musikforlag in Oslo verlegt und international vertrieben werden, sind in den Partituren gleichnamige Gedichte zur Seite gestellt. Dennoch stand die Lyrik gegenüber der Musik immer im Hintergrund seiner Arbeit.

Die Rückkehr nach Deutschland im Jahre 2003 bedeutete aber für Blume auch eine Erneuerung des Bezugs zur Muttersprache. Seit 2006 entstanden vier abendfüllende Liedprogramme mit Vertonungen von Texten der Dichter Heinrich Heine, Hermann Hesse, Rainer Maria Rilke und Friedrich Hölderlin. Die Beschäftigung mit dieser Literatur gab den letztendlichen Ausschlag dafür, auch die eigene Dichtung wieder in den Vordergrund zu rücken. Nach Auftritten im Rahmen der rheinland-pfälzischen Literaturtage in Bingen, einer literarischen Soiree im Antiquariat am Ballplatz in Mainz und einer Autorenlesung auf der Frankfurter Buchmesse wird „Krisenkrach“ 2009 in Bingen der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der Theologe und Autor Eugen Drewermann schreibt über die Lyrik von Gernot Blume:

„Hier manifestiert sich eine ganze Weltsicht in Versen, geprägt von einer scharfsinnigen, unpathetischen Analyse der Wirklichkeit und einer philosophisch durchleuchteten, kritisch-christlichen Spiritualität...

Die musikalische Signatur seiner Sprachkunst, von knappen Aphorismen über lyrische Allegorien bis hin zu gebetsartigen Hymnen, ist in aller weit gefächerten Thematik gleichzeitig von scharfer Beobachtung und sensiblem Einfallsreichtum gekennzeichnet - eine poetische Stimme von Tiefe und starker Ausdruckskraft. Ich lese seine Arbeit mit großer innerer Zustimmung und Anteilnahme.“

Der ebenfalls in Bingen lebende Schriftsteller Rüdiger Heins wird das Publikum in die Buchpräsentation zum Erscheinen von „Krisenkrach“ einführen. In diesem Werk wird die Aktualität des Krisenbegriffs aus Wirtschaft und Gesellschaft vor dem Hintergrund einer überzeitlicheren Dimension des allgemein menschlichen neu gedeutet. Die gut einhundert Gedichte des Bandes führen den Leser durch einen Spannungsbogen, der die Krise in der Auseinandersetzung des Einzelnen mit sich selbst, mit Sprache, Kunst, Gesellschaft, Welt, Gott und Wahrheit erzählend umfasst.

Lyrik ist Klang und das Universum hört mit

Vorwort zum Buch von Rüdiger Heins

Die leisen Töne sind es, die Worte zum klingen bringen, denke ich als ich zum ersten Mal ein Gedicht von Gernot Blume lese:

Zwischen den Stühlen stehe ich
ohne mich einzurichten …

„Ankunft“, nennt er eines seiner frühen Gedichte, aus dem dieser Vers entnommen ist. 1984 verfasst der damals siebzehnjährige junge Mann, an der Schwelle des „Erwachsenwerdens" oder sollte ich lieber sagen des "Erwachens“, diesen Zeilenbruch.

… als alle Welt alles fertig macht,
um zu feiern den, der auch nur
eine Krippe fand und Fremder blieb …

Wer ist dieser Fremde, der „ein Fremder“ blieb? Ist bereits in diesen Zeilen das „Lebensmotiv“ eines Musikers, eines Komponisten und eines Dichters zu hören?
Das „lyrische Ich“ verschlüsselt in einem biblischen Motiv. Jesus als Fremder – der Künstler ein Fremder. Künstler sind immer Fremde. Sie sind mitten im gesellschaftlichen Geschehen, aber immer außerhalb der bestehenden Normen. Nur wer sich anpasst, ist „kein Künstler“. Kunst sprengt alle Normen: Sie ist zügellos, unbeugsam, selbstlos, liebevoll, zärtlich, leidenschaftlich … Kunst geschieht – wir können sie nicht machen.

Lyrik ist Klang: Sprachklangkunst. Dichter schöpfen mit ihren Versen Kompositionen, die sich in einem sprachlichen Klanggebilde entfalten. Gernot Blume ist beides. Er ist Musiker und er ist Dichter. Seine Verse sind kraftvolle musikalische Klanggebilde, die alle Register musikalischer Kreativität mit einbeziehen. Mühelos webt er einen Stakkatovers, um ihn dann vom Mezzo, für den Leser völlig unvorbereitet, ins Pianissimo zu fabulieren. Gernot Blume gehört zu jenen Dichtern, die Sprache komponieren. Seine Lyrik lebt von Klängen, die sich zu Melodien entfalten.

Du sahst die Welt viel schöner, als sie war,
und dass dein Bild sich ihr entgegenstellt gebar
Zerrissenheit, die Bild und Welt
nicht länger überbrückte …

Gernot Blume: Hölderlin, 2009

Gedicht, Gebet und Gesang liegen immer „dicht“ beieinander. Eine Nahtstelle zwischen Gesang, Gebet oder Gedicht ist kaum wahrnehmbar, aber dennoch vorhanden. Blume gibt keine Gebrauchsanweisungen zu seinen Gedichten. Er bevormundet auch nicht den Leser, was er zu denken habe. Da ist genügend Raum in seinen Versen, um sich eigene geistige Klangkulissen zu schaffen.

Kadenz

Habe ich alles bedacht,
alles beleuchtet?

Hat sich die Welt
mir erklärt?

Nein, doch ich weiß,
wie man singt.

Gernot Blume 2009

„Einen guten Gesang“, sagt Rufino Omier, „hört die ganze Welt“. Ich möchte dieses Zitat etwas verändern:
Die Gesänge und die Gedichte und die Gebete von Gernot Blume werden gehört:
und das Universum hört mit!

Rüdiger Heins

Ausschnitte aus Krisenkrach

Krisenkrach

Draußen tobt
der Krisen großer Krach,
die Welten fallen laut.

Drinnen lobt,
gleich einem leisen Bach,
ein stiller Klang, der tief vertraut.

Es ist geflüsterter Gesang
von Ziel und Sinn, Bedeutung.

Das Toben zieht gewitterhaft dahin,
das Bleibende jedoch verrichtet Häutung.

Verpackung

Immer besser, teurer, attraktiver
wird alles verpackt.

Wir verpacken im Notfall auch
gar nichts perfekt.

Wir erleben den Rausch
der Gestaltung von Leere.

Die Hülle als Zeichen der Zeit:
Nichts drin, aber viel drum herum.

Mehrwert

Der letzte Deal,
bevor das Kartenhaus
in sich zusammenstürzt,
ist, dass der Gegenstand
des Handelns nichts mehr ist
und alles kostet.

Trick

Wir zaubern Überfluss
um Überfluss
aus unserm Hut hervor.
Wir jauchzen
vor Begeisterung
bis ins Vergessen,
dass die Verblüffung
dem geschickten Zaubermeister
immer einen wohl geübten
Kunstgriff abverlangt.
Die Täuschung ist
der Preis für das Spektakel.
Erwartungsvoll bezahlen wir
das Eintrittsgeld
und sind bankrott.

Fundamentalismus

Überall deuten sie
in magischem Ritus
die heiligen Worte
und kommen,
gleich welchen Glaubens,
zum selben Ergebnis:

Göttliche Vollmacht
für menschlichen Unsinn.

Kontemplation

Gott sitzt an seinem Pult und debattiert
in einem philosophischen Traktat,
ob es den Menschen gebe,
und wenn ja, wie man es beweisen könne.

Am Ende eines gewissen Jahrhunderts
erschüttert den Himmel ein Aufschrei,
der zu einem Paradigmenwechsel
führen sollte. Gott verkündet:

Der Mensch ist tot.

Floß der Medusa

Géricaults Gemälde:
In der Ferne treibt
ganz klein ein Schiff,
Symbol für Hoffnung
auf die Rettung
der auf jenem Floß
den Meergewalten
hilflos Ausgelieferten.

Aber im Vordergrund steht
das Drama des Kenterns.
Unsere Geschichte
erzählt sich als eine
perspektivische Verschiebung
entlang der Achse
zwischen Floß
und rettendem Schiff.