Widerreden

Vorwort

von Walter Eichmann, Januar 2010

In zwei gewichtigen Riesenbroschuren hat Gernot Blume dieser Tage einem erstaunten Publikum sein lyrisches Gesamtwerk dargeboten: tausend Gedichte aus 25 Jahren! Als „Rätselworte“ (Band 1) und „Andeutungen“ (Band 2) will er sein versammeltes lyrisches Opus gelesen wissen. Kaum hatte ich mich indessen in diese lichtdurchfluteten Hintergründigkeiten versenkt, da überraschte mich die Nachricht, ein dritter Band sei auf dem Weg in die Öffentlichkeit. Allein dieser enthalte weit über 300 Gedichte aus dem Jahr 2009 unter dem zweifellos programmatischen Titel „Widerreden“. Die Quellen, aus denen Gernot Blume seine Verse fischt, scheinen also lebendiger zu sprudeln denn je.

Wir hören aus seinen Texten, die aller gewitzter Wortjongladen unerachtet von großer Ernsthaftigkeit durchdrungen sind, einen leidenschaftlichen, zuweilen geharnischten Zeitgenossen, einen nachdenklichen, in die Tiefe lotenden Philosophen, einen ergriffen und doch auch voller Not Glaubenden, einen sanft und zärtlich Liebenden sprechen. Sprechen, und nur selten singen. Was Gernot Blume uns vorträgt, ist Spruchdichtung, nicht Lieddichtung. Insofern ist er Kind seiner literarischen Epoche, wenn er sich auch oft in diese zornig verbeißt.

„De la musique avant toute chose“ – diese Devise einer vergangenen klangverliebten Lyrik, die er so feinsinnig musikalisch zu umarmen versteht (man denke nur an seine Hesse-, Hölderlin- oder Rilke-Vertonungen), gilt für seine eigene lyrische Artikulation kaum. Er verfasst vielmehr eine hochintelligente Gedankenlyrik, die mit stupender sprachakrobatischer Rhetorik, namentlich in der Verwendung von Paronomasie und Antithese, mit immer wieder verblüffenden Pointen unsere intellektuellen Flauten bestürmt und uns zu überraschenden Einsichten bewegt. 

Seine stilistische Lakonik hat ihre Entsprechung in der pointiert-geschürzten Kürze dieser inhaltsprallen Gnomen. Nur selten finden sich Langgedichte (z. B. „Inspiration“, wo er nun bezeichnenderweise in einen hymnischen Ton verfällt, der von ferne an Rilkes „Duineser Elegien“ erinnert). Oft in äußerster Knappheit, im Dreizeiler, Fünfzeiler (zuweilen haikuhaft) spricht er im Spiel der Paradoxe seine nie auf der Posaune eines triumphierenden Wahrheitbesitzers hinausgeschmetterten, sondern subtil und behutsam, in Paradoxien gebrochenen Erkenntnisse aus, sei es auf der Suche nach der gelingenden Kommunikation mit dem Nächsten, mit Gott, sei es auf der Suche nach dem verborgenen Ich, sei es auf der Suche nach Antworten auf die ewigen und ewig offenen Fragen.

Ausschnitte aus Widerreden

Widerreden

Wieder reden wider die Reden,
das Gerede, das Überreden,

sie meinen nicht wirklich, wovon sie reden,
sondern nur, was bezweckt werden soll,

Gefolgschaft, Überzeugung,
Meinungen, Macht und Gehorsam.

Wieder sprechen wider das Sprechen,
das Versprechen, die Besprechung,

abgekartete Spiele mit mächtigen Worten,
Worte aus Macht, ein Machtwort zu sprechen.

Wieder sprechen wider das Sprechen.
Wieder reden wider die Reden.

Unermüdlich erklingt und verhallt es
im Abseits.

2.6.09

Kolonial

Es ist wohl modern, Affären
wie Beute zu sammeln.
Safari des Herzens.
Von Eroberungen
markierte Kartographie.
Trophäenkabinett
zerbrochener Erinnerung.
Es altern aber schließlich auch
die besten Großwildabenteurer.
Wie lebt es sich dann nur mit lauter
endgültig totem Beweismaterial?

24.7.09

Requiem

Wir sind alle von Geburt an Hinterbliebene,
an der Ahnung einer andern Welt verwaist,
im Leben sind wir Hin- und Hergetriebene
und ohne einen Schritt schon weit gereist.

Was da zu Anfang in uns sterben musste,
das hat uns trotzdem noch zur Welt gebracht.
Von dem Moment an leben wir bewusste
Trauer, wissend, es wird nichts vollbracht.

Wir sind alle von Geburt an Hinterbliebene,
an der Ahnung einer andern Welt verwaist.
Unterdessen sind wir heimatlos Gebliebene,
deren Sehnsucht alles Mühen still umkreist.

6.4.09

Film

Einst versuchten wir Erlebnisse der Zeit
in Bildern einzufangen.

Jetzt bewachen uns die Bilder wie Gefangene,
die stumm und mürrisch dienen,

nur um aufbewahrt zu werden
in der Zeit.

9.11.09

Dissonanz

Eines schönen Tages
unterm Baum
bedenke ich:

In Momenten wie diesem,
flüchtig und schlicht,
unschuldig still,

begeht man anderswo
zur selben Zeit
kaum auszudenkende Verbrechen.

Ich höre sie
als ein kreischendes Ächzen
hinter dem Vogelgesang.

22.5.09

Schiedsspruch

Nichts ist so teuflisch
wie der Mensch,
hat er sich
eines Gottes bemächtigt.

14.8.09

Spekulation

Und es begab sich, dass selbst die Idee vom Wert
zum Gegenstand des Handels wurde,
ohne eines Gegenwertes zu bedürfen.

Es funktionierte sogar so lange,
bis die Idee vom Wert verfiel,
weil sie zu teuer war.

13.5.09

Uhr

Beim Hoffen auf die Ewigkeit
schlagen wir die Zeit mit allen Mitteln tot,
anstatt die, die wir haben, zu leben.

21.9.09